Ikonen des Meeres - Michael Weigel

Das Meer ist für Michael Weigel viel mehr als für die meisten von uns. Man könnte denken: am Meer wohnen, von früh morgens bis in die Nacht Meer – mehr geht nicht. Aber er liebt es nicht nur das Meer zu betrachten, sondern bewegt sich auch noch am liebsten auf ihm – seine Ausstellungsreisen führten ihn schon über sämtliche Weltmeere – und  in ihm. Wer denkt da nicht mal boshaft: ob der schon Kiemen und Schwimmhäute hat?
Nennen wir das fürs erste einmal eine intensive Bindung ans Meer. Wenn man aber weiß, dass Michael Weigel (geb. 1973) aus Hessen kommt und eigentlich erst in der Zivildienstzeit mit dem Meer in Berührung kam, dann sieht das eher nach einer Obsession aus. Erfährt man dann noch, dass er sich nicht nur in der Malpraxis, sondern auch in der Theorie jahrelang mit der Ästhetik von (Meeres)Landschaften beschäftigt hat, und dann nach einer Promotion über Naturästhetik (!), Lehre und Forschungsarbeit zuletzt zur Bildinterpretation, seine Universitätsanstellung kündigt, um sich ganz der Meeresmalerei zu widmen, dann scheint dies auf der Hand zu liegen.
Soweit der Befund. Nun kann man argumentieren, dass wir es ja mit einem Künstler zu tun haben und daher eine Obsession nicht gar zu abwegig ist. Damit unterliegen wir aber einem modernen, allzu wohlfeilen Bild vom Künstler.
Es lohnt das Verhältnis von Künstlern zum Meer in einen größeren geschichtlichen Rahmen zu stellen.
Es geht damit los, dass das Meer, wie es für uns selbstverständlich ist, menschheitsgeschichtlich jung ist. Die ältesten Vorstellungen des Meeres waren die eines riesigen Wassers, an dessen Rändern der Absturz droht und in dessen Mitte unsere Erdscheibe schwimmt oder steht. Sich auf dem Ozean zu bewegen bedeutete sich in unvorstellbare Gefahren zu begeben. Nur mit Mühe und sehr allmählich machten sich die Menschen die Meere zu eigen. Sie waren von Monstern und Mischwesen bevölkert und überall drohte der Untergang, geriet man ihren Rand zog es einen unweigerlich in den Abgrund. Selbst um 1200 v. Chr. wimmelt es in der Odyssee noch von Meerengen, Sirenen, Inseln auf denen merkwürdige Wesen leben. Römische Mosaike zeigen tausend Jahre später noch, dass sich die Meeresmythen nicht so rasch änderten, auch wenn die Fahrten in die britannische Kolonie schon längst zum Herrschaftsalltag gehörten. Das Mittelalter war nicht viel aufgeklärter. Zwar war die Seefahrt, denken wir an die Handelslinien und die Kreuzfahrer, inzwischen zur Routine geworden, aber das galt nur für den Mittelmeer-Raum und küstennahe Gewässer. Erst die kühnen Seefahrer des 15./16. Jahrhunderts definierten die Kugelgestalt der Erde endgültig und setzten damit der Vorstellung vom Abgrund am Ende der Meere ein Ende. Was aber blieb, ist das Gefühl der Gefahr und der Bedrohung im und durch das Meer. Das 17. Jahrhundert befestigte zwei Optionen hinsichtlich des Meeres, die schon die Antike kannte: das stürmische, Schiffe mit Mann und Maus verschlingende Meer, und der Herz und Seele erquickende Blick auf die von Palästen und Tempeln eingerahmte Seelandschaft. Übrigens war da vom Schwimmen im Meer nicht die Rede, höchstens vom verzweifelten Strampeln ums Überleben. Die Kühnheit sich dem gefährlichen Element freiwillig auszusetzen, hatten höchstens Exzentriker vom Schlage Lord Byrons, der dafür ja auch noch mit dem Leben büßte. Erst im 19. Jahrhundert kam das Baden im Meer als Freizeitbeschäftigung auf. Bis zu einem gewissen Grad bedingten sich Freizeit und Badekultur, bzw. Sport. Der uns so vertraute, verlorene Blick zum Meeres- Horizont, das Gefühl der Unendlichkeit, das weder von der Ratio, noch von Wissenschaftssendungen getilgt wurde, ist eine Erfindung des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Bilder wie C.D. Friedrichs „Mönch am Meer“ sind Ikonen dieser Seelenspiegelung im Meer. Das Meer als Natur-Phänomen, als fließendes Wasser, als Woge, als Brandung, Gischt hat zwar schon einen Visionär wie Leonardo da Vinci fasziniert, als Gegenstand naturwissenschaftlichen Interesses taucht es ebenfalls erst im 19. Jahrhundert auf.  Jetzt wird das Meerwasser selbst auch Kunstthema, wenn wir z.B. an realistische oder impressionistische Maler oder an Debussys „La mèr“ denken. Jules Verne kann Lebenswelten für Menschen in der Tiefe des Meeres fantasieren.
Mit dem Entreißen seiner Geheimnisse ging die Faszination des Meeres keineswegs verloren. Neue Phänomene wie die Riesenwellen, das Bermuda-Dreieck, Seebeben und Taifune wurden erforscht, die Zusammenhänge zwischen Meer und Wetter, bzw. dem globalen Klima erkannt. Tiefsee-Expeditionen öffnen neue Dimensionen des Meeres, die man gar nicht mehr für möglich gehalten hätte; da gibt es Leben in Meeresvulkanen und Monsterfische, die die mittelalterlichen Phantasien bei weitem übertreffen.
Wie nicht anders zu erwarten, spiegelt sich diese Mehrdimensionalität des Phänomens Meer und seiner Wahrnehmung auch in der modernen Kunst wider. Nolde machte noch die poetische Welle zum Bildgegenstand, heute stürzen projizierte Riesenwellen über uns herein und für die land art ist das Meer Material. Zur Realität gehört auch das Leerfischen der Meere, das Verschmutzen, die Ölpest und die Bohrinseln, Deiche, Schleusen, Gezeitenkraftwerke u.a.m. Auch sie sind Gegenstand von Kunst.
Und angesichts dieses Panoptikums malt ein junger Künstler mit offensichtlich stoischer Ruhe immer wieder Blicke auf Meer und Himmel. Scheinbar „Natur pur“ ums modisch zu sagen. Ausblenden und Verdrängen kann es nicht sein, denn Weigel ist ein hoch gebildeter Mann. Wenn er selbst sagt, dass er in der Tätigkeit des Meer-Malens eine tiefe Ruhe erfährt, lässt das aufmerken. Er spricht auch von der Erfahrung der sich wiederholenden Bewegung der Wellen und des sich in dieser Bewegung selbst Bewegens. Er spricht davon dass ihn die Geräusche des Meers mehr erreichen als die Gerüche.
Ich kenne Michael Weigel seit dem Beginn seiner Studienzeit und war auch damals schon verblüfft, wie er bei aller Offenheit diese Meerbilder nicht mehr in ihrem Konzept, sondern lediglich maltechnisch zur Diskussion stellte. Das gab diesen Bildern etwas Unumstößliches, wie ich es nur aus der Ikonenkunst kenne. Da Michael Weigel dann tatsächlich auch noch neben Kunst Theologie studierte, könnte man auf Naturreligiosität oder Pantheismus spekulieren, gelangt aber auf einen Holzweg. Anders verhält es sich mit dem Wissen um die Offenbarung Gottes in seiner Schöpfung, Hierzu gibt es Äußerungen Weigels. Auf das Meer bezogen könnte das heißen, dass Weigel jenem Teil der Schöpfung die Ehre gibt, der nach der Trennung von Erde und Wasser in der Beachtung eindeutig zu kurz kam. Große Themen tauchen auf: Noah, der auf dem Berg Ararat das Wasser sich beruhigen und zurückweichen sieht, Moses der das Meer spalten konnte und über den Feinden zusammenschlagen ließ und Jesus, der über das Wasser gehen konnte. Malt Michael Weigel Naturikonen, Ikonen des Meeres?
Eine Ikone ist erst einmal ein Bild. Aber es war auch von Anfang an das heilige Bild. Bezeichnend ist seine minimale Veränderung über Jahrhunderte hinweg. Welch fundamentale Bedeutung die heiligen Bilder für die Christen hatte, zeigt ihre Weigerung die heidnischen Götterbilder und allen voran das des Cäsars anzuerkennen. Welch unglaubliche Macht diese Bilder hatten, zeigt der Kampf der Ikonoklasten gegen die Ikonodulen, der Gegner gegen die Befürworter des heiligen Bildes, aber auch die Bilderstürmerei der Reformation; und ins außerchristliche gewendet, sprengen Taliban die verhassten Großdarstellungen Buddhas. Das Merkmal der Ikonen als Kunstgegenstand ist die fehlende, bzw. kaum wahrnehmbare Entwicklung und Veränderung. Ikonen sind nicht alt und nicht modern, sie sind überzeitlich. Dies nun auf Weigels Bilder zu beziehen ist gewagt. Dennoch gibt es Verbindungen. Man kann die Meer-Bilder zwar in ihrer kristallinen Klarheit einer Sachlichkeit zuordnen, die sich zwischen Romantik, Neuer Sachlichkeit, Photorealismus und Dali´schem Hyper-Realismus ausgebildet hat, aber das führt nicht weiter. Stilfragen greifen offensichtlich zu kurz. Die Form des Fensterbildes, die immer ähnliche mittlere Distanz und die Perspektive werden kaum verändert. Auch die wechselnden Formate können nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Gegenständen Meer und Himmel eine unbedingte Bedeutung zukommen. Weigel vermeidet aktualisierende und alltägliche Anknüpfungspunkte. Die Boje, die Vogel-Leiche, die Muschel aber auch den Strandkorb sucht man vergeblich. Wem das mit den Ikonen zu weit geht, der kann sich an buddhistische Mantras halten, bei denen es auch nicht um ästhetische Kreativität oder Realitätsbezug geht.
Wichtig wäre noch ein Blick auf uns, die Betrachter. Es ist doch so, dass es einen umgekehrte Proportionalität von ruhigen Bildern und unruhigen Betrachtern gibt. Die Unruhe des Alltags findet in ruhigen Bildwerken einen Halt. Dort  wo das Gefühl des Entgleitens der Wirklichkeit am stärksten ist, schlägt die Stunde der Skulpturen Brancusis und der Bilder Mondrians. Dass diese Künstler und ihre Werke in einen pseudo-heiligen Stand gehoben wurden, oder sie sich selbst so stilisierten, stellt die Verbindung zur Ikonen-These her.
Mit dem Begriff der Ikone habe ich für Weigels Bilder, die mich wahrscheinlich abweichend von der überwiegenden Zahl der Betrachter durch ihre Ruhe beunruhigen, einen Ort gefunden, wo ich mich in Ruhe ihnen aussetzen kann, fernab von der Nomenklatur und vom hektischen Verschleiß des Kunstbetriebs. Pendeln sich dann Motiv und Wahrnehmung auf einander ein, tritt die Frage der Ikone zurück und hinter den schlichten Motiven öffnet sich ein Raum für das Betrachten von und Nachdenken über Schöpfung und Kunst.

 



Prof. Dr. Axel von Criegern
Künstler und Kunstwissenschaftler, Vorsitzender des Künstlerbundes Tübingen